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SIA 181/1 Raumakustik: was die Norm verlangt – und ab wann sie Ihr Projekt betrifft

Die Schweizer Norm für Raumakustik – in Kraft seit 1. Februar 2026

Zwischen 2020 und der SIA 181/1 klaffte in der Schweiz eine Lücke: keine eigene Norm für Raumakustik. Die SIA 181 hatte das Thema abgegeben, die neue Norm holt es zurück — mit einem anderen Anspruch als zuvor: nicht mehr nur Unterrichts- und Sporthallen, sondern jeder Raum, in dem gesprochen und zugehört wird.

  • Gilt für Neubauten sowie für Umbauten und Umnutzungen
  • Regelt Nachhallzeit und Störgeräusch – mit der Sprachverständlichkeit als Zielgrösse
  • Ergänzt die SIA 181: die eine hält Schall draussen, die andere macht ihn drinnen verständlich
Verdeutlicht im Bild die Beziehung der SIA 181/1 zu anderen Regelwerken
SIA 181/1 in Beziehung zu anderen Regelwerken und Vorschriften
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FrageAntwort
Für welche Bauvorhaben?Neubauten sowie Umbauten und Umnutzungen
Bis zu welcher RaumgrösseRäume bis rund 5000 Kubikmeter
Und Sporthallen?Sport- und Schwimmhallen bis rund 30’000 Kubikmeter
Und Arbeitsplätze?Für öffentlich zugängliche Bereiche in Bauten mit Arbeitsplätzen. Als Mindestanforderung gilt die Wegleitung zur ArGV3
Und MehrzweckräumeSinngemäss

Wofür die Norm ausdrücklich nicht gilt

Die Hälfte der Antwort auf «betrifft die Norm mein Projekt?» steht in der Ausschlussliste.


Nicht erfasst

Begründung
Theater, Konzertsäle, Kinos, Sakralräume, MusikproberäumeBesondere Anforderungen an die akustische Gebrauchstauglichkeit
Räume zur hochwertigen Aufnahme oder Wiedergabe von Musik und SpracheZum Beispiel Tonstudios für Radio und Fernsehen
Wohnungen und WohnräumeOhne weitere Einschränkung ausgenommen


Der Punkt, den die meisten übersehen


Die Norm gilt ausdrücklich auch bei Umbau und Umnutzung. Wer eine Lagerhalle zum Büro macht oder eine Aula neu belegt, löst damit raumakustische Anforderungen aus — auch ohne einen einzigen neuen Quadratmeter.

Vier Bereiche der Raumakustik: Nachhall, Störgeräusche, Sprache und Hören
Vier Anforderungsbereiche, eine
Zielgrösse: dass Gesprochenes ankommt.
BereichWas dahintersteht
NachhallzeitWie lange Schall im Raum nachklingt. Der Sollwert hängt von Raumvolumen und Nutzungsart ab — er ist berechenbar, nicht verhandelbar
Störge-
räusche
Was von aussen und aus der Haustechnik in den Raum dringt. Der beste Absorber nützt wenig, wenn die Lüftung den Grundpegel bestimmt
Sprachver-
ständlichkeit
Ob Gesprochenes ankommt. Das ist die eigentliche Zielgrösse – Nachhallzeit und Störgeräusch sind die Stellschrauben dorthin
Akustische Gebrauchs-tauglichkeitOb der Raum das kann, wofür er gebaut wurde. Der übergeordnete Begriff, der die drei anderen zusammenfasst

Wie ein Raum zu seinem Sollwert kommt

Die vier Bereiche beschreiben, was geregelt wird. Wie ein Raum zu seinem Sollwert kommt, beschreiben sie nicht — dafür ordnet die Norm Räume in zwei Gruppen mit je eigenen Nutzungsarten.

GruppeNutzungsarten
Gruppe 11a Musik
1b Sprache und Vortrag
1c Unterricht und Kommunikation
1d Sport
Gruppe 22a ohne Aufenthaltsqualität
2b in der Regel geringe Ansprüche
2c mittlere Ansprüche
2d hohe Ansprüche
2e besonders hohe Ansprüche

Der Weg für einen Planer lautet damit: erst die Gruppe, dann die Nutzungsart, dann der Sollwert. Genannt wird hier nur der Weg – die Sollwerttabelle und die Formeln bleiben bei der Norm.

Für Beschallungsanlagen für Sprache verweist die Norm auf SN EN IEC 60268-16, für Höranlagen für Personen mit Schwerhörigkeit auf SIA 500.

Die DIN 18041 unterscheidet bei Räumen für Sprachkommunikation zwischen der Regelnutzung und der inklusiven Nutzung und führt dafür getrennte Sollwerte. Wer nach DIN plant, wählt also aus – und wählt in der Praxis meist die Regelnutzung, weil sie weniger Absorptionsfläche verlangt

Die SIA 181/1 macht diese Unter-scheidung nicht. Sie verzichtet ausdrücklich darauf, eine Anforderung als «inklusiv» zu kennzeichnen – weil Inklusion als selbstverständlich betrachtet wird. Die anspruchsvollere Anforderung ist der Ausgangspunkt und nicht eine von zwei gleichrangigen Varianten.

Was das für Ihre Dimensionierung bedeutet

Der Unterschied liegt in der Beweislast, nicht im Zahlenwert. Nach DIN 18041 wählt die Planung zwischen Regelnutzung und inklusiver Nutzung. Nach SIA 181/1 gilt die anspruchsvollere Anforderung als Ausgangspunkt; wer davon abweicht, begründet die Abweichung – er wählt sie nicht einfach aus. Die Norm sieht dafür ausdrücklich einen Weg vor: Für die Nutzungsarten Sprache und Vortrag sowie Unterricht und Kommunikation ist eine höhere Soll-Nachhallzeit zulässig, wenn die strengere Anforderung mit unverhältnismässigem Mehraufwand verbunden wäre. Die Frage lautet damit nicht mehr «welchen der beiden Werte nehmen wir», sondern «können wir den strengeren einhalten, und wenn nein, warum nicht».

Wem die strengere Anforderung zugutekommt

Gute Raumakustik hilft allen. Notwendig ist sie für Personen mit Schwerhörigkeit, für ältere Menschen, für Fremdsprachige und für Kinder, die den Wortschatz noch aufbauen. Ihnen fehlt der Kontext, mit dem geübte Erwachsene unverständliche Silben ausgleichen. Genau deshalb verweist die Norm für Höranlagen auf die SIA 500 zum hindernisfreien Bauen.

Wo der Unterschied am meisten wiegt

  • Schulen, Kindergärten und Kitas — der klarste Fall, weil dort beide Gründe zusammentreffen: junge Ohren und inklusive Beschulung
  • Öffentlich zugängliche Räume: Gemeindesäle, Schalterhallen, Empfangs- und Beratungsräume
  • Aufenthalts- und Versammlungsräume in Alters- und Pflegeeinrichtungen
WegWie er wirkt
VertraglichWird die Norm im Werkvertrag oder in der Ausschreibung vereinbart, ist sie geschuldete Leistung. Der häufigste und der am einfachsten zu beeinflussende Fall
Als anerkannte Regel der TechnikAuch ohne ausdrückliche Vereinbarung gilt sie als fachlicher Massstab. Ein Werk, das sie ohne Grund unterschreitet, kann mängelbehaftet sein
Über das ArbeitsrechtFür Arbeitsplätze verlangen ArG Artikel 22 und die ArGV 3, Lärm so weit zu vermindern, wie es der Betrieb zulässt. Öffentliches Recht, gilt unabhängig von jeder Norm
Über das hindernisfreie BauenDie Norm orientiert sich laut Vorwort an der Würde des Menschen und verweist für Höranlagen auf SIA 500. Wo kantonales Baurecht das hindernisfreie Bauen vorschreibt, rückt die Raumakustik in einen bewilligungsrelevanten Zusammenhang

Praktisch heisst das: Wer sich als Bauherrschaft darauf verlässt, dass eine Norm «nur» eine Empfehlung ist, trägt das Risiko allein. Und wer sie in der Ausschreibung nennt, verlagert die Verantwortung dorthin, wo die Fachkompetenz liegt.

Was die Norm selbst über Abweichungen sagt

Die vier Wege oben wirken von aussen auf die Norm. Der fünfte steht in ihr selbst: Abweichungen sind zulässig, wenn sie durch Theorie oder Versuche ausreichend begründet werden. Lassen sich einzelne Bestimmungen in einem Bauvorhaben nicht einhalten, sind die Abweichungen im Rahmen der Verhältnismässigkeit festzulegen und in den Bauwerksakten mit nachvollziehbarer Begründung zu dokumentieren.

Man darf abweichen. Aber begründet

Für eine Bauherrschaft beantwortet das die Verbindlichkeitsfrage von der anderen Seite. Wer die Norm nicht einhalten kann, hat einen geregelten Weg. Wer sie ohne Begründung unterschreitet, hat keinen — und die fehlende Dokumentation ist später schwerer zu heilen als die Abweichung selbst.

Keine Rechtsauskunft: Dieser Abschnitt ordnet ein, ersetzt aber keine juristische Beurteilung. Ob die Norm in einem konkreten Projekt geschuldet ist, hängt von Vertrag, kantonalem Baurecht und Nutzung ab.

StationWas geschah
SIA 181:2006Raumakustik erstmals in der Norm enthalten – mit Anforderungen an Unterrichtsräume und Sporthallen
SIA 181, publiziert
1. Nov. 20
Raumakustik entfällt. Die Norm konzentriert sich auf den baulichen Schallschutz; im Vorwort wird eine eigene Norm für Raumakustik angekündigt
DazwischenEine Lücke. Geplant wurde mit der deutschen DIN 18041, mit Fachliteratur und mit einer bereits zurückgezogenen Empfehlung der Schweizerischen Gesellschaft für Akustik
Vernehm-
lassung, Mai bis Juni 24
Der Normenentwurf geht in die Vernehmlassung
In Kraft seit 1. Februar 26Raumakustik als eigenständige Norm — breiter gefasst als 2006 und ausdrücklich auf Inklusion ausgerichtet

Die Lehre daraus ist keine Anekdote, sondern ein Argument: In den Jahren dazwischen wurden Schulhäuser, Büros und Versammlungsräume ohne verbindliche Schweizer Grundlage geplant. Wer heute einen Bau aus dieser Zeit übernimmt oder umnutzt, trifft häufig auf genau die Räume, die jetzt nachgerüstet werden müssen.

Rotes SIA-Logo mit Text Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein in vier Sprachen
Der Schweizerische Ingenieur- und
Architektenverein gibt die Norm
heraus. Bezogen wird sie direkt
beim SIA..
SIA 181/1 im Zusammenhang mit SIA 181, LSV, ArGV 3 und SN EN 17210
Drei Regelwerke, drei Rollen: die SIA 181
hält Schall draussen, die DIN 18041
liefert Sollwerte, das Arbeitsrecht gilt
ohnehin.
RegelwerkVerhältnis zur SIA 181/1
SIA 181 Schallschutz im Hoch-bau Schallschutz zwischen Räumen. Die eine sorgt dafür, dass nichts hereinkommt, die
andere dafür, dass drinnen etwas verstanden wird
DIN 18041 Hörsamkeit in Räumen Deutsche Norm, in der Schweizer Planung als Referenz etabliert – auch in der Zeit
ohne Schweizer Grundlage
ArG Art. 22 und ArGV 3 Öffentliches Recht für Arbeitsplätze. Gilt unabhängig von jeder Norm
SIA 500 Hinder-nisfreies Bauen Die SIA 181/1 verweist für Höranlagen darauf. Damit ist Raumakustik nicht mehr nur Komfort, sondern Teil der Zugänglichkeit eines Gebäudes
SN EN IEC 60268-16 Massstab für die Sprachverständlichkeit von Beschallungsanlagen; relevant überall dort, wo Durchsagen sicherheitsrelevant sind

Hindernisfreies Bauen ist für öffentlich zugängliche Bauten in vielen Kantonen über das Baurecht verbindlich. Wenn eine Akustiknorm sich laut Vorwort an der Würde des Menschen orientiert und für Höranlagen auf die Norm zum hindernisfreien Bauen verweist, verschiebt sich die Raumakustik aus der Kategorie nice to have in die Kategorie Zugänglichkeit.»

AnforderungAnsatzProdukt
Nachhallzeit zu lang, Deckenfläche verfügbarFlächige Absorption an der DeckeSTEREO Deckenpanels – abgehängt αw 1,00, Absorberklasse A
Deckenfläche belegt oder Geometrie schwierigAbsorption über Einzelflächen und KörperabsorbeABSO Akustikpad, ABSO Würfel, Quader und Kegel
Sprachverständlichkeit über Distanz, offene FlächeAbschirmung in Ohrhöhe statt zusätzlicher FlächeKORA Akustikstellwände

Der Sollwert selbst ergibt sich aus Raumvolumen und Nutzungsart. Welche Kombination im konkreten Raum dorthin führt, klären wir mit Ihnen — messen und normgerecht nachweisen tun Bauphysiker und Akustiker.

  • Beratung und Begleitung für eine normgerechte Raumakustik
  • Bereitstellung technischer Datenblätter und Prüfberichte
Mann und Frau im Beratungsgespräch an Tisch mit Akustikwandpanels im Hintergrund

Download & Wissensbereich

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FAQ – Fragen und Antworten zu SIA 181/1 Raumakustik

FAQ Fragen und Antworten
Was ist der Unterschied zwischen SIA 181 und SIA 181/1?
Ist die SIA 181/1 verpflichtend?
Für welche Räume gilt die Norm?
Warum ist die Raumakustik wieder eine eigene Norm?
Welche Kennwerte sind relevant?